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Von Umstürzlern in Trillfingen bis zur Kreisreform in Sigmaringen: Neues Heft der Hohenzollerischen Heimat erschienen

Spannende Beiträge zur hohenzollerischen Geschichte vereint das jüngst erschienene Heft Nr. 3 der “Hohenzollerischen Heimat”.

 

Die Vierteljahresschrift wird vom Hohenzollerischen Geschichtsverein e.V. herausgegeben und kann per Tel. 0176 88406540 (Dienstag 9.00 bis 11.30 Uhr) oder E-Mail anfrage@hohenzollerischer-geschichtsverein.de bestellt werden.

Unter dem Titel “Trillfingen ruft zum Umsturz auf” beschreibt Rolf Vogt die Geschehnisse bei der Volksversammlung am 24. September 1848 im beschaulichen Trillfingen bei Haigerloch: „Tausende drängeln sich auf dem Dorfplatz, die Musik spielt, die Redner geben ihr Bestes.” „Stargast“ in Trillfingen war Dr. Carl Otto Würth, 45 Jahre alt, Rechtsanwalt in Sigmaringen und seit dem Vortag Abgeordneter des Fürstentums Hohenzollern-Sigmaringen in der Nationalversammlung in Frankfurt.

Er wurde in das hohenzollerische Unterland vom Vaterländischen Verein Trillfingen eingeladen. Eine rote Fahne wurde geschwenkt und auf dem Podium lag ein Kürbis, „in Form eines Kopfes weiß und schwarz angemalt“, in dem aufrecht ein Schwert steckte – ein deutliches Zeichen für alle. Am Ende sollen 5000 bis 10000 den Platz vor dem Gasthaus „Rössle“ gefüllt haben.

Nach der revolutionären Versammlung scheint keine Einigkeit im Dorf bestanden zu haben. Eine „verstärkte Deputation“ wurde am 11. November 1848 von der Gemeinde zum Haigerlocher Oberamtmann Clavel geschickt. Diese distanzierten sich vom Vaterländischen Verein, und Clavel bestätigte, dass die Gemeinde „bei weitem nicht so staatsgefährlich ist, als sie schon verschrien wurde, und daß diese Gemeinde noch viele tüchtige Männer zählt“.

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Der Dorfplatz von Trillfingen heute – Schauplatz der Volksversammlung am 24. September 1848. Das Gasthaus Rössle (ohne Dach) wird derzeit restauriert. Foto: Thomas Kost. (Beitrag Vogt über Trillfingen)

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Zimmern und Burg Hohenzollern 1952. Vorlage Otto Bogenschütz.

(Beitrag Bogenschütz über die Burg Hohenzollern)

Otto Bogenschütz berichtet unter dem Titel „Die Burg Hohenzollern steht heute auf dem Gemeindegebiet von Bisingen“ über das Ergebnis seiner Forschungen. Wie bei der Landesvermessung im Fürstentum Hohenzollern-Hechingen im Jahre 1863 der Aufnahmegeometer Johann Georg Bogenschütz, aus Zimmern gebürtig, die Vermessung vornahm, schildert der Autor detailliert – er ist selbst Vermessungsingenieur. Das Ergebnis wurde von der preußischen Regierung in Berlin so entschieden: „Der fürstliche Wald zwischen dem Zellerhorn und dem Wasserturm muss zwischen Boll und Zimmern aufgeteilt werden, die Grundfläche der Zollerburg bekommt die Gemeinde Zimmern“.

Botho Walldorf veröffentlicht einen Bilderreigen zum Thema „Hettingen. Von kleinbäuerlichen Schöpfen zum High-Tec-Standort“. Seine Fotos zeigen unter anderem den Verfall eines Schopfes, eine Öschprozession der Hettinger auf die Hochfläche 1973 mit Stadtpfarrer Gustav Scharm oder aktuelle Industriebauten.

Mit drei Beiträgen ist Hans-Dieter Lehmann vertreten. Der erste befasst sich mit „Altendickingen, Pfaff Albrecht Hellgraf zu Hechingen und den Rittern von Suntheim bei Zepfenhahn“. Der Weiler Altendickingen lag beim heutigen Burgstallhof zwischen Ofterdingen und Bodelshausen an einer mittelalterlichen Reichsstraße (Königsstraße). Die erste schriftliche Nennung ist in einer Urkunde von 1317 bezeugt. Da Altendickingen an einer Königsstraße lag, war der Hellgraf für das Geleit auf einem Abschnitt dieser Straße zuständig.

 

Der zweite Artikel von Lehmann handelt von „Bittelbronn und ähnliche Ortsnamen. Was bedeutet der erste Namensteil?“. Lehmann führt die Bedeutung des Bestimmungswortes “Bittel, Büttel” auf lateinisch puteolus “Brunnenstube” bzw. puteal “Brunneneinfassung zurück.

 

Der dritte Beitrag von Lehmann trägt den Titel „Ein merkwürdiger Befund am Laubstöffel zwischen Bodelshausen und Hemmendorf“. Im Krebsbachtal zwischen Bodelshausen und Hemmendorf könnte eine Burg als Kontrollpunkt „Sinn gehabt haben“. Der Flurname „Laubstöffel“ und der Name des darüber aufragenden „Hohen Stöffels“ lassen sich mit einer Adelsfamilie „Herren von Stöffeln“ in Verbindung bringen, die mit den Grafen von Achalm verwandt waren.

Der abschließende Beitrag von Edwin Ernst Weber mit dem Titel „Die Kreisreform von 1973 und der neue Landkreis Sigmaringen“ lässt dessen Entstehungsgeschichte Revue passieren. Im neuen Landkreis Sigmaringen sind 25 Städte und Gemeinden mit zur Zeit 134.000 Bewohnern zusammen geschlossen.

Unter „massiven politischen Auseinandersetzungen und Erschütterungen“ kam dieser neue Verwaltungsbezirk zustande. Die von der CDU-SPD-Koalition unter Ministerpräsident Hans Filbinger betriebene große Kreisreform war nirgends „derart heiß umstritten wie im Bereich Sigmaringen-Saulgau–Pfullendorf-Meßkirch“.

Gestritten wurde auch um das Kreiswappen. Sollte das bisherige von 1954 verwendet werden oder kreiert man ein neues? Schlussendlich wurde der schwarz-weiße Zollernschild durch an Vorderösterreich erinnernde rot-weiße Balken ersetzt.

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Sigmaringer Kreiswappen von 1954 (links) und 1978. Vorlage: Kreisarchiv Sigmaringen. (Beitrag Weber über Kreisreform)

Das Heft wird durch zwei ausführliche Buchbesprechungen abgerundet.

Römerstraßen, Albert Einstein und die Machtkämpfe im Nationalsozialismus - Neuer Doppelband der Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte erschienen

 

Zwei bisher unbekannte römische Straßen im Bereich des Kastells Mengen-Ennetach hat Dr. Stefan Wintermantel entdeckt. Seine Entdeckungen stellt er in dem jüngst erschienen Doppelband 57/58 der Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte vor. Wintermantels Aufsatz ist einer von sieben Beiträgen in dem 384 Seiten umfassenden Doppelband, der im Buchhandel für 39 Euro erworben werden kann. Mitglieder des Hohenzollerischen Geschichtsvereins erhalten die Zeitschrift als kostenlose Mitgliedsgabe.

Mit Hilfe neuer Forschungsmethoden gelingt es Wintermantel, die verkehrsmäßige Erschließung unseres Raumes in römischer Zeit neu zu erfassen und den Kenntnisstand über das römische Straßennetz zu korrigieren und zu vertiefen. Die beiden neu entdeckten Römerstraßen, von denen er auch Spuren im Gelände gefunden hat, führten vom Kastell Mengen-Ennetach nach Süden zum Bodensee und nach Westen in Richtung des römischen Gutshofs „Altstadt“ bei Meßkirch.

Nachdem Jürgen Scheff im vorangegangenen Doppelband der Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte den ersten Teil seiner Forschungen zu den Eginonen, Welfen und Zollern publiziert hat, stellt er nun im zweiten Teil Überlegungen zu verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Grafen von Urach, von Vaihingen und von Zollern im Hochmittelalter an. Indem er die vorliegenden Quellen neu auswertet und interpretiert, gelingt es dem Verfasser, auf genealogische Zusammenhänge zwischen den genannten Adelshäusern aufmerksam zu machen.

Das Kloster Beuron vor dessen barocker Umgestaltung im Jahre 1694 ist Gegenstand einer Studie von Lothar Gonschor. Der Autor kann erhaltene Maßwerkteile der Vorgängerbauten aus spätgotischer Zeit in Details der Fensterdarstellungen im sogenannten „Gründungsbild“ des Klosters Beuron identifizieren und somit nachweisen, dass dieses Ölbild ein „authentisches Dokument des historischen Zustands“ der Klosteranlage vor der Umgestaltung ist.

Breiten Raum nimmt die Zeitgeschichte ein: Am Beispiel von Albert Einstein und seiner Hechinger Verwandtschaft zeigt der Beitrag von Dr. Christof Rieber jüdische Familiensolidarität auf und stellt die Aufenthalte Albert Einsteins und seiner zweiten Ehefrau Elsa in Hechingen vor, der Geburts- und Heimatstadt von Elsa. Rieber kann detailliert die Aufenthalte des Ehepaars Einstein in Hohenzollern belegen und geht auf die vier Besuche Albert Einsteins bei seinem Freund Camillo Brandhuber in Benzingen ein, der dort katholischer Pfarrer war. Die beiden kannten sich aus Berlin, wo Brandhuber von 1908 bis 1918 als Zentrumsabgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus für den Wahlkreis Sigmaringen saß. Neben persönlicher Sympathie verband beide Übereinstimmungen in grundlegenden Überzeugungen, so waren sie beide Gegner der Monarchie.

Dr. Michael Walther untersucht die innerörtlichen und innerparteilichen Machtkämpfe in den kleinen hohenzollerischen Gemeinden Thanheim und Steinhofen (Bisingen) bei Hechingen, die 1933 in der Frühphase des Nationalsozialismus stattfanden. Einige der Beteiligten wurden gar vorübergehend im KZ Heuberg bei Stetten am kalten Markt inhaftiert, darunter sogar ein Mitglied der NSDAP und SA. Bei den Verhaftungen von sechs Männern aus Thanheim und Steinhofen am 12. September 1933 ging es nicht um die Ausschaltung von Regime-Gegnern durch SA-Einheiten, sondern um die Verfolgung persönlicher Interessen der beiden NSDAP-Stützpunktleiter und Lehrer Max Klaiber und Franz Xaver Wannenmacher sowie des SA-Sturmbannführers und „NS-Mulitfunkionärs“ Vinzenz Stehle aus Bittelbronn. Die Verhaftungen stellten eine unzulässige Grenzüberschreitung dar. Noch im Oktober 1933 wurde beschlossen, die beiden Lehrer ihrer Ämter als NSDAP-Stützpunktleiter zu entheben, und als Lehrer wurden sie strafversetzt. Dagegen taten die Vorkommnisse der NS-Karriere Stehles keinen Einbruch. Und obwohl ihn das Landgericht Hechingen 1947 wegen des Übergriffs 1933 zu einer viermonatigen Gefängnisstrafe verurteilte, wurde der ehemals einflussreiche Nationalsozialist 1952 zum Bürgermeister von Bittelbronn gewählt, ein Amt das er bis zu seinem Tode 1967 innehatte.

Archivalische Quellen in französischen und deutschen Archiven sowie die Forschungsliteratur umfassend auswertend behandelt Benjamin Pfannes unter dem Titel „Paris an der Donau?“ die Übersiedlung der Vichy-Akteure nach Deutschland und analysiert die Ereignisse in den Rückzugsorten Sigmaringen und Mainau der französischen Kollaborateure im Zeitraum von September 1944 bis April 1945.

Ein Aufsatz von Dr. Edwin Ernst Weber über die Militärstandorte zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart beschließt den Teil der Abhandlungen des aktuellen Bandes. Er begreift die „Entwicklung der Militärlandschaft […] mit ihren wachsenden und schrumpfenden Standorten“ als „Spiegel der deutschen Geschichte mit ihren wechselnden politischen ‚Großwetterlagen‘ und den damit einhergehenden und sich ständig verändernden militärischen Anforderungen.“ Expansionsphasen gab es in wilhelminischer Zeit, im Nationalsozialismus und im Kalten Krieg. Da die Garnisonen Wirtschaftsfaktoren für die umliegenden Städte und Gemeinden waren, bedeuteten Truppenreduzierungen und Standortschließungen zunächst wirtschaftliche Einbußen, längerfristig gesehen bieten gewerbliche, infrastrukturelle, siedlungsmäßige oder kulturelle Weiterentwicklungen neue Chancen und Möglichkeiten.

Im zweiten Teil der Zeitschrift wird auf rund 60 Seiten neues Schrifttum mit Bezug zu Hohenzollern und zur Landesgeschichte vorgestellt.

Die Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte wird vom Hohenzollerischen Geschichtsverein herausgegeben. Schriftleiter sind Dr. Volker Trugenberger, bis zu seiner Pensionierung Leiter der Abteilung Staatsarchiv Sigmaringen im Landesarchiv Baden-Württemberg, und Dr. Andreas Zekorn, bis zu seiner Pensionierung Leiter des Kreisarchivs Zollernalbkreis. Für Mitglieder des Hohenzollerischen Geschichtsvereins ist der Bezug der Zeitschrift im jährlichen Mitgliedsbeitrag von 30 Euro enthalten.

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